Fachbeitrag · Messverfahren

Hallraummessung nach DIN EN ISO 354

Damit αw-Werte vergleichbar sind, müssen sie unter genau definierten Bedingungen entstehen. Der internationale Standard dafür ist die Messung im Hallraum nach DIN EN ISO 354. Dieser Beitrag zeigt, wie das Verfahren funktioniert — und warum die Montageart genauso wichtig ist wie der Stoff selbst.

Lesedauer: ca. 9 Minuten Architekt:innen, Bauphysik, Akustik Niveau: Vertiefung

Warum überhaupt messen?

Die Schallabsorption eines Materials bestimmt, wie viel Schallenergie in einem Raum reflektiert wird — und damit Nachhall, Sprachverständlichkeit und Wohlbefinden. Wer Produkte planerisch vergleichen oder ausschreiben will, braucht objektive, reproduzierbare Werte. Genau das leistet das Hallraumverfahren: Es liefert Absorptionsgrade, die labor- und herstellerübergreifend vergleichbar sind — die Grundlage jeder Angabe auf einem Akustik-Datenblatt.

Der Hallraum

Ein Hallraum ist kein gewöhnlicher Raum, sondern ein bewusst „extremer" Messraum mit dem Ziel eines diffusen Schallfelds — der Schall soll an jedem Punkt aus allen Richtungen mit gleicher Energie eintreffen. Dafür ist er konsequent gebaut:

  • Groß: ein Volumen von meist rund 200 m³ (nach Norm mindestens etwa 150 m³).
  • Schallhart: Wände, Boden und Decke aus glattem Beton oder Putz — selbst nahezu absorptionsfrei.
  • Nicht parallel: schräge, unregelmäßige Wände und zusätzliche Diffusoren verhindern stehende Wellen und sorgen für die gleichmäßige Schallverteilung.

Erst dieses diffuse Feld erlaubt es, die Absorption bei zufälligem Schalleinfall zu bestimmen — also so, wie Schall auch in realen Räumen auf Oberflächen trifft.

Der Messablauf

Das Prinzip ist eine Differenzmessung:

  1. Zuerst wird die Nachhallzeit des leeren Hallraums bestimmt (T₁) — in Terzbändern von 100 Hz bis 5 kHz.
  2. Dann wird die Materialprobe eingebracht — eine realistisch große Fläche von typischerweise 10–12 m², frei auf dem Boden oder als definierter Aufbau.
  3. Erneut wird die Nachhallzeit gemessen (T₂). Durch die zusätzliche Absorption ist sie kürzer.

Aus der Verkürzung der Nachhallzeit wird berechnet, wie viel Absorption die Probe hinzugefügt hat.

Von der Nachhallzeit zu αs

Die Brücke zwischen Nachhallzeit und Absorption ist die Sabine-Formel. Aus ihr folgt die äquivalente Absorptionsfläche A für beide Messungen; die Differenz ist die Wirkung der Probe:

A = 0,161 × V / TV = Raumvolumen (m³) · T = Nachhallzeit (s) · A = äquivalente Absorptionsfläche (m²)

Der gesuchte Absorptionsgrad ergibt sich dann als die zusätzliche Absorptionsfläche, bezogen auf die Probenfläche S:

αs = (A₂ − A₁) / SA₂ = mit Probe · A₁ = leer · S = Fläche der Probe (m²)

Das Ergebnis ist der praktische Schallabsorptionsgrad bei diffusem Einfall, αs — pro Terzband. Aus ihm werden anschließend nach EN ISO 11654 der praktische αp und der bewertete Einzahlwert αw gebildet (siehe Der Schallabsorptionsgrad α).

Die Montageart entscheidet mit

Ein und derselbe Stoff liefert unterschiedliche Absorptionswerte, je nachdem wie er montiert ist. Deshalb schreibt die Norm vor, die Montageart („Aufbau") stets mit anzugeben:

  • Direkt auf der harten Fläche (z. B. Typ A): konservativer Wert, vor allem im Tiefton schwächer.
  • Mit definiertem Wandabstand / Luftpolster (z. B. Typ mit Hohlraum): deutlich bessere Tieftonwirkung.
  • Bei Vorhängen: der angegebene Faltengrad und der Abstand zur Wand verändern das Ergebnis stark.

Planungs-Fallstrick: Ein αw-Wert ist nur so viel wert wie die zugehörige Montageangabe. Wird ein Vorhang im Datenblatt mit Faltengrad 1:3 und 100 mm Wandabstand gemessen, gilt der Wert auch nur dafür. Flach gespannt und direkt an der Wand fällt die reale Wirkung niedriger aus. Achten Sie in Ausschreibungen darauf, dass die geplante Montage zur gemessenen passt.

Grenzen: Streuung und α > 1

Das Verfahren ist robust, hat aber bekannte Eigenheiten:

  • Werte über 1,0: An den Probenrändern entstehen Beugungseffekte, und die endlich große Probe „fängt" effektiv mehr Schall ein als ihre reine Fläche — αs kann rechnerisch über 1 liegen. Für αp/αw wird auf 1,00 begrenzt.
  • Labor-Streuung: Selbst nach Norm zeigen Ringversuche zwischen verschiedenen Hallräumen eine gewisse Streuung, besonders im Tiefton. Kleine Unterschiede zwischen zwei Datenblättern sind daher nicht überzubewerten.
  • Diffusfeld-Annahme: Bei sehr tiefen Frequenzen ist das Schallfeld nie perfekt diffus — die Tieftonwerte sind die unsichersten.

Was ein Messbericht enthält

Ein belastbarer Prüf-/Messbericht weist mindestens aus:

  • Prüflabor und angewandte Norm (DIN EN ISO 354)
  • genaue Probenbeschreibung (Stoff, Farbe, Grammatur, ggf. Faltengrad)
  • Probenfläche und Montageart
  • αs je Terzband sowie die abgeleiteten αp-Werte und αw nach EN ISO 11654
  • ggf. Absorberklasse A–E

Wavetex in der Praxis: Zu unseren Akustiktextilien geben wir die Frequenzwerte samt geprüfter Montageart an — damit Ihre raumakustische Berechnung auf belastbaren Daten steht und nicht auf einer einzelnen, kontextlosen Zahl.